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1944 deportiert, 2005 heimatlos und diskriminiert Mieste Hotopp-Riecke Seit die Rückkehrbewegung der ehemals deportierten Krimtataren anfangs der 1990er Jahre ihren Höhepunkt erreicht hatte, nimmt die Zahl der Rückkehrenden aus Zentralasien jedes Jahr ab. Während 1991 noch über 41.000 Menschen in ihre Heimat zurückkehren konnten, waren es 2004 lediglich noch knapp 2.000. Die Lage in Usbekistan In Usbekistan leben heute die meisten der Krimtataren Mittelasiens. Die kompaktesten Siedlungsgebiete sind der Großraum Taschkent und die Gebiete Almalik, Sirdarya, Samarkand, Kashkadar und Djizak. Da eine konzentrierte Ansiedlung der Krimtataren nach ihrer Deportation von den stalinistischen Behörden unbedingt vermieden werden sollte, leben auch heute noch Krimtataren über ganz Usbekistan verteilt, ausgenommen die autonome Republik Karakalpakistan im äußersten Westen des Landes. So sollte die Kommunikation innerhalb der krimtatarischen Nationalbewegung erschwert und die Assimilation erleichtert werden. Im größtenteil zu Usbekistan gehörenden Ferganatal, von wo aufgrund von Pogromen gegen Tataren, Meskheten und Kurden 1989 viele ehemals Deportierte geflohen sind, leben heute nur noch 3.000 Krimtataren. Auch diese Menschen leiden unter den Unruhen der letzten Zeit. Entweder nahmen sie krimtatarische Flüchtlinge aus dem nahen Kirgistan auf, die vor militärischer Gewalt dort flüchteten oder sie wurden selbst zu Flüchtlingen, da das usbekische Militär vor allem im Ferganatal gegen vermeintliche Islamisten und Rädelsführer vorgeht. Im Mai wurde beim Meclis, dem Nationalrat der Krimtataren Usbekistans ein Krisenstab zur Bewältigung der akuten Probleme der Flüchtlinge gebildet. Dieser nahm Verbindung auf zum UNHCR und der Botschaft der Ukraine in Taschkent. Das offizielle Papier "Migration der Bevölkerung Usbekistans" nennt für Usbekistan 75.000 bis 80.000 Krimtataren. In den Nachbarrepubliken Tadschikistan, Kasachstan und Kirgistan schätzt man zusammen noch ein Potenzial von 50.000 bis 70.000 Krimtataren. Die heutigen Probleme der krimtatarischen Rückkehrwilligen fußen nicht zuletzt direkt auf den diskriminierenden Niederlassungsgesetzen der Stalinära. Denn die Grundstücke und Häuser der Krimtataren Mittelasiens befinden sich dort, wo sie von der Geheimpolizei 1944 angesiedelt wurden: Meist abgelegen von städtischen Zentren, abgeschnitten von direktem Trinkwasserzugang und auf Boden minderer Qualität, der für die Landwirtschaft nur bedingt nutzbar ist. Da durch den massiven Wegzug der russophonen Bevölkerung in Richtung Russländische Föderation und der Krimtataren zurück auf die Krim die Immobilienpreise rapide gesunken sind, haben die Verbliebenen wenig Chancen, mit dem Verkauf von Grundstücken oder Häusern ihren Umzug auf die Krim finanzieren zu können. Für eine Zwei- bis Drei-Raum-Wohnung bekommt man zur Zeit höchstens 1.500 usbekische Sum (110 Euro). Für eine Fünf-Raum-Wohnung um die 4.000 Sum (300 Euro). Für eine Bahnreise inklusive Cargotransport reicht dieses Geld nicht aus. Dazu kommt, dass bis 1992 innerhalb der Ex-Sowjetunion keine Zollgrenzen existierten, nun aber der Zoll an drei Grenzen zu zahlen ist: An der usbekisch-kasachischen, der kasachisch-russischen und der russisch-ukrainischen. Ein anderes Problem sind die von der ukrainischen Regierung zugesagten finanziellen Hilfen für die Repatriierung. Zugesagte Gelder kommen entweder gar nicht oder mit immenser Verspätung bei den Betroffenen an. Und wenn, dann ist die Summe um einiges zusammengeschmolzen. In diesem Jahr hat zum Beispiel die krimtatarische Gemeinschaft von Usbekistan noch nicht einen Griwna aus der Ukraine erhalten. Lediglich 2.500 Krimtataren stellten 2004 an der Botschaft in Taschkent den Antrag auf die Erlangung der ukrainischen Staatsbürgerschaft. Auch dies hat viele Gründe. Etwa ein Fünftel bis ein Viertel der Krimtataren Usbekistans haben den Plan zurückzukehren aufgegeben. Aber auch die Rückkehrwilligen haben zu großen Teilen noch keine konkreten Schritte unternommen, ihre Ziele zu verwirklichen. Das hängt mit den genannten Gründen zusammen, aber auch mit der Situation auf der Krim selbst: Rechtliche Unsicherheit, extrem hohe Arbeitslosigkeit, Ausschluss vom Landerwerb und höherer Bildung. Weitere Hindernisse sind die Rubelentwertung von 1998, die eine Hyperinflation des ukrainischen Griwna nach sich zog sowie die Wertlosigkeit des usbekischen Sum. Nach den Massenunruhen vom Mai dieses Jahres in Andijan und dem Ferganatal setzte sich der Fall des Sum an den Börsen fort. Jegliche Reserven – sei es auf der Krim oder in Usbekistan – sind somit schon lange aufgebraucht und neue Verdienstmöglichkeiten nicht in Sicht. Einzig private Spender und Bemühungen des Meclis auf der Krim ermöglichen es dieses Jahr, dass in die Nähe von Aqyar/Sewastopol 2.500 Krimtataren aus Mittelasien übersiedeln können. Dafür stellt die Behörde für die Belange von Flüchtlingen der Stadt Sewastopol 1,8 Millionen Griwna (300.000 Euro) zur Verfügung. Das sind 120 Euro pro Kopf. Diese Summe muss reichen, um Land zu erschließen, Gas-, Wasser- und Elektroleitungen zu verlegen, die Häuser für die Rückkehrer zu bauen und Telefonleitungen zu installieren. Der von der ukrainischen Regierung eingerichtete Fonds für die Repatriierung von Ukrainern aus dem Ausland war bisher nur ethnischen Ukrainern zugänglich. Krimtataren – ob bereits wieder Staatsbürger der Ukraine oder nicht – waren und sind von der Partizipation an diesen Mitteln ausgeschlossen. Da Gulag-Überlebender Mustafa Dschemilew nun dem Regierungslager der Partei von Viktor Yuschtschenkos "Nascha Ukraina" angehört, bitten die Krimtataren Mittelasiens dringlich um die Öffnung des Fonds auch für Bürger der Ukraine tatarischer Nationalität. Ali Khamsin, Meclis-Vorsitzender der Krimtataren Zentralasiens, gab in einem Interview im Mai zu bedenken: "Die Lage der Krimtataren Usbekistans wird sich nicht verbessern, im Gegenteil: Nach den Unruhen von Andijan sind es vor allem russischsprachige Menschen, die wegziehen, weil sie es sich jetzt noch leisten können. Ihre Immobilien liegen meist zentraler, in besserer Lage und auf besserem Boden als die Grundstücke der Tataren, noch eine Hinterlassenschaft des Spezial-Siedlungsregimes. Dadurch fielen die Immobilienpreise weiter und für die tatarischen Immobilien wird es weiterhin nur die niedrigsten Preise geben, was die Heimkehr auf die Krim verhindert." Hilfe vom usbekischen Staat ist wohl kaum zu erwarten. Der Wegzug der russischen Elite Anfang der 1990er Jahre hatte schon zu erheblichen ökonomischen Schwierigkeiten geführt, da würde die Abwanderung Tausender krimtatarischer Fachkräfte einen weiteren ernsten Schock für die usbekische Wirtschaft bedeuten. Zurück auf der Krim Wenn es gelungen ist, auf die Krim zurückzukehren, warten dort viele Schwierigkeiten auf die Neuankömmlinge. Von den geschätzten 300.000 Krimtataren, die heute auf der Krim leben, besitzen ein Drittel immer noch nicht die ukrainische Staatsbürgerschaft, sondern sind staatenlos oder noch Staatsbürger eines Staates in Mittelasien bzw. der Russländischen Föderation. Diese Menschen sind nicht nur von der Teilhabe an staatsbürgerlichen Rechten, wie etwa Wahlen, ausgeschlossen. Die usbekische Staatsbürgerschaft z.B. impliziert auch eine soziale Schlechterstellung der Krimtataren der Ukraine. So kann man als "Fremder" nur schwer eine "propiska" – eine Aufenthaltserlaubnis bekommen. Ohne diese aber hält man sich nicht legal im Lande auf. Ein mindestens fünfjähriger legaler Aufenthalt muss aber wiederum für die Beantragung der ukrainischen Staatsbürgerschaft nachgewiesen werden. Als "Ausländer" sind diese Krimtataren von der Möglichkeit des Grunderwerbs, des Hauskaufs und der Arbeitserlaubnis ausgeschlossen. Doppelt hohe Studien- und Schulgebühren für "Ausländer" halten diese Menschen auch vom nationalen staatlichen Bildungssystem fern. Aufgrund der demografischen Entwicklung der letzten Dekade ist bei anhaltend hoher Arbeitslosigkeit und düsterer sozialer Perspektive für die meisten Krimbewohner eine Abnahme der permanenten Xenophobie und speziell der Tatarenfeindlichkeit nicht zu erwarten. Die Arbeitslosigkeit ist unter den Tataren doppelt so hoch als unter der ukrainisch-russischen Mehrheitsbevölkerung und liegt in ländlichen Gebieten der Peripherie, wie etwa dem Gebiet Cankoy im Norden der Halbinsel, bei 82 Prozent! Während 1989 offiziell lediglich 1,7 Prozent der Krimbevölkerung Krimtataren waren, sind es 2004 bereits 17 Prozent. Ob der geringen Geburtenrate bei der slawischen Bevölkerung und der traditionellen Familienstruktur bei den Tataren liegt der Anteil der krimtatarischen Kinder bei den unter 16-Jährigen bereits bei 32 Prozent. Im gleichen Zeitraum wuchs bzw. stagnierte ebenfalls der Anteil anderer Minderheiten an der Gesamtbevölkerung und der Anteil der Slawen sank – nicht zuletzt durch den Wegzug vieler russischer und belorussischer Familien. Trotzdem sind die Tataren in regionalen und staatlichen Behörden unterrepräsentiert. Der Anteil nichtslawischer Beamter in Zoll-, Polizei- und Finanzbehörden etwa tendiert gegen null. An Hochschulen und Instituten, die entsprechende Berufe ausbilden, konnte noch keine Quote durchgesetzt werden. Lediglich an allgemein bildenden und strategisch nicht so wichtigen Bildungseinrichtungen existieren Quoten als Zugangsberechtigung für Angehörige ehemals deportierter Völker (Griechen, Bulgaren, Armenier, Deutsche, Krimtataren). Diese massiven Probleme ließen die Führung der krimtatarischen Nationalbewegung den Fokus ihrer Bemühungen auf die Integration der Rückkehrer legen. Die Krimtataren in der Diaspora sind aber nicht in Vergessenheit geraten. Anlässlich des 61. Jahrestages der Deportation der Krimtataren sprach Mustafa Dschemilew am 18. Mai diesen Jahres zu den Gästen der Gedenkkundgebung in Simferopol: "Wir haben nicht eine Minute das Recht zu vergessen, dass ein bedeutender Teil unseres Volkes noch nicht die Möglichkeit bekam in die Heimat zurückzukehren. Sie sind gezwungen in der Fremde zu überleben, vor allem in Usbekistan warten noch Tausende und Abertausende unserer Landsleute." Nach Europa! Durch die engen Kontakte zu den Diasporagemeinden in Europa, der Türkei und Übersee betrachten viele Krimtataren die aktuellen Probleme auf der Krim und in der Ukraine eher aus einer "westlichen" oder "europäischen Perspektive", denn aus einer östlichen. Dies schlug sich auch im Engagement während der "orangenen Revolution" nieder. Die himmelblauen Fahnen mit dem goldenen Tamga-Zeichen der Krimtataren waren in dieser Zeit stets präsent. Der größte Teil der Krimtataren unterstützte die Opposition von Viktor Juschtschenkos Block "Unsere Ukraine", auf deren Liste auch zwei Krimtataren im nationalen Parlament in Kiew sitzen: Mustafa Abdülcemil Kirimoglu (Dschemilew) und Rufat Tschubarow. Diese traditionell prowestliche demokratische Einstellung der krimtatarischen Bewegung sollte nun auch vom demokratischen Europa honoriert werden. Denn während die russische Bevölkerungsmehrheit der Krim traditionell zur alten pro-russischen Regierung in Kiew hielt, waren die Krimtataren von Anfang an auf Seiten der pro-ukrainischen Opposition, die sich auch als pro-westlich betrachtet. Zur Zeit bemühen sich die Krimtataren um intensivere Kontakte nach (Alt-) Europa, zu NGOs, Universitäten und EU-Behörden, um eine nachhaltige Verbesserung der Entwicklung auf der Krim zu erreichen. Sie erwarten von EU-Europa Unterstützung und Parteinahme im Kampf um die Anerkennung des Genozids durch die GUS-Regierungen. Diese Anerkennung und damit verbunden Rehabilitation und Reparation wurde den Krimtataren bisher von allen Regierungen verweigert. Lediglich der neue Premierminister der Krim Anatoliy Matviyenko entschuldigte sich offiziell auf dem 61. Gedenktag der Deportation am 18. Mai für die begangenen Verbrechen am krimtatarischen Volk, freilich ohne entsprechende finanzielle oder materielle Wiedergutmachung zu knüpfen. Von Europa erhofft man sich neben politischer Lobbyarbeit für die Repatriierung der in Asien verbliebenen Landsleute auch Hilfe beim Aufbau des krimtatarischen Bildungswesens und eines nationalen Kulturzentrums, dass auch den Vereinen der Krimdeutschen als Heimstatt dienen soll, zu denen die Tataren traditionell gute Beziehungen pflegen, verbrachte man die Zeit der Verbannung doch Tür an Tür in Mittelasien. Diese Maßnahmen sollen dem Schutz und der Re-Etablierung der Muttersprache dienen, ohne die nach Ansicht krimtatarischer Intellektueller die krimtatarische Ethnie assimiliert und damit aufhören würde als solche zu existieren. Verschiedene Schritte werden vom Meclis der Krimtataren gefordert: Anerkennung des Krimtatarischen als dritte offizielle Landes-sprache (neben Russisch und Ukrainisch); Wiederzulassung der alten tatarischen Ortsnamen und zweisprachige Ortsschilder für Dörfer und Städte, die zu einem großen Teil von Tataren bewohnt werden. Diese Rechte werden von der russischen Minorität, die auf der Krim jedoch die Mehrheitsbevölkerung stellt, ganz selbstverständlich in Anspruch genommen. Es werden also keine Sonderrechte eingefordert, die Krimtataren fordern lediglich eine Gleichstellung mit der slawischen Bevölkerung. Von nichtstaatlicher Seite, von NGOs wie der GfbV erwartet man weiterhin die Öffentlichmachung von Diskriminierung, von rassistischen Übergriffen und Gewalt gegen Minderheiten auf der Krim sowie Hilfe beim Aufbau zivilgesellschaftlicher Strukturen. Mieste Hotopp-Riecke arbeitet am Institut für Turkologie der Freien Universität Berlin und ist Krim-Koordinator der GfbV. Quellen - Abdulganiyev, Kurtmolla: Institutional Developement of the Crimean Tatar National Movement unter URL: http://www.iccrimea.org/scholarly/national-movement.html [20.6.05]. - Allworth, Edward (Hrsg.): Tatars of the Crimea – their struggle for survival Durham/London: Duke University Press, 1988. - Tschervonnaja, Svetlana: Die Krimhalbinsel als Krisenregion und die gegenwärtige krimtatarische Nationalbewegung (1991-1994) in: Heidenreich/Heller/Schinke (Hrsg.): Russlands Zukunft. Berlin: Duncker&Humblot, 1994. - Fisher, Alan: Between Russians, Ottomans and Turks: Crimea and Crimean Tatars Istanbul: Isis Press, 1998. - Heuer, Brigitte: "Die unvollendete Repatriierung" – Zur Situation der Krimtataren in Uzbekistan am Beginn des 21. Jahrhunderts in: Hauenschild/Schönig/Zieme (Hrsg.): Scripta Ottomanica et Res Altaicae Wiesbaden: Harrassowitz, 2002, S. 175-193. - Kirimoglu, Mustafa Abdülcemil: Kirim tatar millî kurtulufl hareketinin kisa tarihi [Abriss der Geschichte der krimtatarischen nationalen Befreiungsbewegung] Ankara: Kirim, 2004. - Prybitkova, Irina/Zholdasev, A. (Red.): Profile and Migration Intentions of Crimean Tatars living in Usbekistan. Genf: IOM (International Organization for Migration), Juni 1998. Diesen und viele weitere Texte über bedrohte Völker finden Sie auf der Webseite der Gesellschaft für bedrohte Völker (GFBV): Gesellschaft für bedrohte Völker >>
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